08.02.2019

Spieltag einundzwanzig

Bruno beleuchtet in seiner Kolumne die Bundesliga 2018/19

Wir haben für die Bundesliga-Saison 2018/19 einen ganz besonderen Leckerbissen für unsere Leser! Bruno Kassenbrock, profunder Kenner der regionalen, gesamtdeutschen und internationalen Fußballszene, wird uns zwischen den hoffentlich spannenden Spielen mit seinen Gedanken zur Bundesliga unterhalten. Freut euch auf seine unkonventionelle, tiefgründige und vor allem immer aufrichtige Sichtweise! Viel Vergnügen! Die Kolumne ermöglicht Dominik, der allseits bekannte Wirt des Stadions an der Speckstraße - Göttingens bester Fußballkneipe.

Es gibt Momente im Leben eines Fußballfans, die man nicht vergisst. Vor einigen Jahren war ich zufällig aus privaten Gründen in Dortmund. Am Abend spielte der BVB gegen den FC Malaga um den Einzug ins Halbfinale der Champions League. Und was macht man da als Fußballverrückter? Na klar, man fährt nachmittags zum Stadion und bekommt auf dem Schwarzmarkt noch für günstige 80€ eine Karte für die Nordtribüne. Sitzplatz. Oberste Reihe. Die obere Hälfte der gelben Wand kann man von dort aus aufgrund der Architektur des Stadion gar nicht sehen.
Götze hatte grade bekannt gegeben, dass er zu Bayern geht und die Stimmung rund um seine Person war mies. Aber Málaga musste geschlagen werden. Und das hört sich einfacher an, als es damals war. Isco zog damals die Fäden im Mittelfeld und Málaga führte in der 80. Minute mit 2:1.
Der Rest ist Geschichte und war ein Erlebnis, welches selbst einen (in dem Fall) neutralen Beobachter begeisterte.
Reus und Felipe Santana drehten das Spiel. Ich habe selten erlebt, dass 80.000 Menschen auf einem Haufen sich so ungläubig anschreien und sich der Situation der Legendenbildung gar nicht bewusst sind.
Es war wie ein Märchen für den BVB und ich erlebte es etwa 10 Meter über den 3000 mitgereisten Andalusiern.
Am Dienstag war ich wieder auf der Nordtribüne. Pokal. BVB gegen Werder. Und die Geschichte wiederholte sich.
Ganz unter uns. Ich habe immer eine große Schnauze, wenn es um meine Grün-Weißen geht, aber ich habe mit allem gerechnet, nur nicht mit dem Weiterkommen. Natürlich spielen wir seit Jahren mal wieder einen gepflegten, ansehnlichen Fußball, aber in Dortmund? Beim Spitzenreiter, der sich (fast) keine Blöße gibt? Nein, dafür sind wir - Achtung Wortspiel! - einfach zu grün.
Daher war ich froh, als wie führten: wenigstens verkaufen wir uns gut! Dortmund hat Schwierigkeiten ins Tempo zu kommen, aber auf Dauer wird es nicht gut gehen. Mein Kopf rattert. Schon fast Halbzeit. Keine Unterbrechungen und dann zeigt der 4. Offizielle zwei Minuten Nachspielzeit an. Ich ahne böses. Sage zu meinem Kumpel, dass ich kein gutes Gefühl habe. Und dann passiert es. Foul. Freistoß. Reus. 1-1. Ein bisschen Deja Vu, wenn man auch damals gegen Málaga im Stadion war. War eine gute Halbzeit, aber jetzt wird der BVB im Gefühl der klaren Überlegenheit das Spiel drehen.

Pustekuchen. Die zweite Halbzeit ist von Werder sehr destruktiv und vom BVB eher ideenlos. Kurz vor Schluss haben Kruse für uns, und Delaney für den BVB noch eine „Lucky-Punch-Chance“, beide vergeben. Verlängerung.
Ich bin schon lange kein guter Gesprächspartner mehr. Habe meinen Platz gewechselt. Sitze jetzt weiter unten an der Treppe, sodass ich immer aufstehen kann, wenn mir danach ist.
Die Verlängerung beginnt mit einem Statement. Pizarro für Bargfrede. Kohfeldt lässt seinen mutigen Worten Taten folgen. Und Werder wird besser, hat aber im Zentrum einen Spieler weniger zum Verteidigen. Und das bestraft der BVB. Relativ simpel wird sich durchkombiniert, 2-1. Das war´s. Jetzt machen wir auf und Dortmund kontert uns aus.
Noch 15 Minuten. Werder spielt weiter voller Glauben an die eigene Stärke. Der Ball kommt irgendwie in den Strafraum und da steht er. 40 Jahre, rang und schlang wie eh und je und technisch versiert wie kein Zweiter und macht den Ausgleich. Jaaaaa. Pizarro oh oh. Die Nordtribüne singt den Namen der Peruaners minutenlang.
Gedanken über die nächsten zehn Minuten lässt dieser Moment nicht zu. Völlige Extase. Mein Patenonkel schreibt mir: „Egal wie es ausgeht. Jetzt schon: Großes Werder!“ Aber dann der Genickschlag. Phillip tanzt den kaputten Augustinsson vor meiner Nase aus und legt den Ball ins Zentrum, wo Hakimi nur noch einschieben brauch. 3-2. Das letzte Fünkchen Hoffnung ist erloschen. Es ist wie so oft. Nah dran, aber dann einfach nicht gut genug.
Noch 3 Minuten. Ecke Werder. Pavlenka geht mit. Abgewehrt. Der Ball kommt auf Klaassen. Der spielt quer. Ich denke mir: „Warum läuft Pavlas nicht zurück?“. Unser tschechischer Torwart bleibt in die Hälfte des Bundesligaspitzenreiters. Nochmal Ecke.
119. Minute. Der Ball kommt hoch und weit. Ein Bremer steigt hoch und köpft den Ball. Und. Toooooooor. Die Nordtribüne wackelt. Das gibt es nicht. Wahnsinn. Tor Tor Tor.
Dann senkt sich der Puls kurzzeitig auf 140. Pause. Gleich beginnt das Elfmeterschießen. Auf unsere Kurve. Aber glaubt es oder nicht. Ich habe immer noch kein gutes Gefühl.
Den Rest haben die meisten gesehen. Pavlenka hält zwei Elfer. Unsere Jungs treffen wie sie wollen uns am Ende ist der oft gescholtene Max Kruse, der das Märchen zu Ende erzählen darf.
Als der Ball im Tor ist, der ganze Mob auf den Zaun steigt und sogar die Physios in die Kurve zum Jubeln kommen, kommen mir die Tränen. Ich habe schon viel gesehen, aber selten so etwas Unerwartetes live im Stadion.
Ich sehe sie noch vor mir. Davy, Jojo, Piza, sogar Josh in seinen weißen Sneakers und werde diese Bilder nie vergessen. Denn egal, was jetzt noch kommt: Großes Werder.
Auf der Rückfahrt schlafe ich irgendwann im Auto ein und träume von meinem Vater. Wie oft hat er diese Spiele früher erlebt, mir dann auf den Anrufbeantworter gesprochen, wie es gelaufen ist, weil ich nicht solange wach bleiben durfte. Jetzt erzähle ich ihm die Geschichten, falls er sie nicht im Himmel mitverfolgt.
Aber seit gestern hat er wenigstens einen netten Gesprächspartner. Rudi Assauer hier und heute nicht zu erwähnen, wäre so, als würde Schalke Meister werden. Nimm es mir nicht über Rudi, grüß Papa und genieß die eine oder andere Zigarre da oben.

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